Wie viele verschiedene Seiten kann eine Stimme zeigen? Beim Konzert mit der britischen Mezzosopranistin Anita Monserrat und dem Pianisten Iain Burnside wurde das Hagenhaus zu einem Ort, an dem diese Frage auf überraschend vielfältige Weise beantwortet wurde. Von Bizets «Carmen» über Mozart, Brahms und Mahler bis zu Berlioz, Korngold und Montsalvatge führte ein Programm, das weniger einer musikalischen Zeitreise als einer Reise durch unterschiedliche menschliche Stimmungen glich.
Dabei begegneten uns ganz verschiedene Frauenfiguren und Gefühlswelten. Carmen behauptet ihre Freiheit mit selbstbewusster Sinnlichkeit, Mozarts Dorabella wird von kaum zu bändigender Unruhe erfasst, während Berlioz mit Ophélie in eine dunklere, zerbrechliche Welt führt. Dazwischen stehen Lieder über Liebe, Sehnsucht, Erinnerung und Verlust. Gefühle also, die keine musikalische Vorbildung benötigen, weil wir sie aus dem eigenen Leben kennen.
Anita Monserrat gab diesen unterschiedlichen Welten eine eigene Farbe. Ihre Stimme konnte Nähe schaffen, sich zurücknehmen und im nächsten Moment den Raum mit grosser Präsenz füllen. Entscheidend war dabei nicht allein die Schönheit des Klangs. Immer wieder entstand der Eindruck, dass sie wissen wollte, was ein Text tatsächlich erzählt. Der erfahrene Liedpianist Iain Burnside war dabei weit mehr als Begleiter. Stimme und Klavier führten einen Dialog, in dem Worte, Klang und Stille gleichermassen Bedeutung erhielten.
Besonders reizvoll war, wie selbstverständlich an diesem Abend Bekanntes und weniger Vertrautes nebeneinanderstehen konnten. Die Habañera aus «Carmen» oder Rossinis «Una voce poco fa» weckten vielleicht Erinnerungen, während andere Werke neue Türen öffneten. Man musste nicht wissen, aus welcher Epoche ein Lied stammt oder wie es musikgeschichtlich einzuordnen ist. Zuhören genügte.
Vielleicht war genau das die schönste Erfahrung dieses Abends: Eine Stimme kann uns innerhalb weniger Minuten in sehr unterschiedliche Lebenswelten führen und dabei etwas ansprechen, das erstaunlich vertraut ist. Wer sich darauf einlässt, entdeckt in einem solchen Konzert nicht nur Musik. Manchmal begegnet man dabei auch einer Seite von sich selbst.